Bedenkliche Antibiotika? Was Ihr Arzt nicht erzählt...
Antibiotika: Anwendung und Verschreibung fragwürdig
Zahlreiche Problemfelder zeigen sich in den letzten Jahren bezüglich der Anwendung und der Verschreibungspraxis
von Antibiotika.
Zunächst einmal: Die Einnahme von Antibiotika verändert die Darmflora und schwächt damit langfristig das
eigene Immunsystem.
Im Rahmen einer Studie an der Universität Stanford, Kalifornien, wurden Stuhlproben von Patienten vor, während
und im Anschluss an die Behandlung mit Antibiotika untersucht. Fand man vor Beginn der Behandlung noch 5600
unterschiedliche Bakterienarten bzw. -stämme, existierten im Anschluss daran nur noch zwei Drittel davon. Erst nach
etwa einem Monat hatte sich die Darmflora der meisten Patienten zu großen Teilen wieder regeneriert, eine
vollständige Wiederherstellung der Bakterienvielfalt wurde jedoch nach einer Aussage der Wissenschaftler im
Online-Magazin PLoS Biology auch nach Ablauf eines halben Jahres nicht mehr erreicht. Es sei nicht von der Hand zu
weisen, dass eine langfristige Einnahme von Antibiotika gravierende Langzeitfolgen hervorrufe.
Problem Nummer zwei: Immer mehr Erreger entwickeln immer schneller Resistenzen gegen gängige
Antibiotika.
So befürchtet der schwedische Mediziner Otto Cars, Universität Uppsala, einen Rückfall in die Zeiten vor
Entdeckung der Antibiotika; komplizierte und umfangreiche Operationen wie auch Organtransplantationen oder
Krebstherapien wären ohne wirksame Antibiotika nicht länger möglich. Des Weiteren kritisiert Cars im British
Medical Journal die fehlende Neuentwicklung wirksamer Antibiotika: Während zwischen 1930 und 1970 mehr als
zwölf neue Wirkstoffklassen den Markt erreicht hätten, hätte man sich seit den 1970ern auf lediglich zwei
Wirkstoffklassen beschränkt.
Worin liegt die Ursache für eine derart beschleunigte Resistenzentwicklung gegen Antibiotika?
Cars sieht die Hauptgründe in der extensiven Verordnung und dem überdies weltweit illegalen Verkauf von
Antibiotika - eine Problematik, die Politik und Gesetzgebung viel zu wenig kümmere. Neben gesetzlicher Regelungen
der Verschreibung fordert der Schwede eine vermehrte Verbraucheraufklärung. Ziel: Eine massive Verringerung
individueller Antibiotika-Einnahme.
Laut einer Salzburger Studie werden nicht nur zu viele Antibiotika, sondern generell viel zu viele
Medikamente verschrieben, so Autor Martin Rümmele in seinem Artikel „Die große Medikamenten-Flut“ im
österreicher STANDARD vom 20. April 2009. Die Folge: Stetig steigende Arzneimittelkosten.
So die Geschichte eines 78jährigen Mannes, bei dem aufgrund seiner unruhigen Beinbewegungen und zappelnden Füße
Parkinson diagnostiziert wurde. Ein zweiter Arzt kann die Parkinsondiagnose seines Kollegen nicht bestätigen. Eine
konkrete Ursache für die Symptome des Rentners kann nicht ermittelt werden. Dennoch nimmt der Mann inzwischen fünf
verschiedene Medikamente, darunter Mittel gegen Bluthochdruck, Schlaflosigkeit und Psychopharmaka. Unter Einfluss
der starken Medikation leidet der 78jährige nun an Verwirrungszuständen, so dass sich der Hausarzt genötigt sieht,
eine Demenz zu diagnostizieren. Der Sohn des Rentners möchte sich damit nicht abfinden: Er konsultiert weitere
Ärzte, die zum Absetzen der starken Medikamente raten, worauf sich die Situation schlagartig bessert. Der Sohn
kritisiert das Gesundheitssystem scharf: Es mache die Menschen krank. Ältere Menschen, die keinen aufmerksamen
Ansprechpartner hätten, seien ärztlicher Willkür nahezu schutzlos ausgeliefert.
Die Mehrfachgabe von Medikamenten wird Polypharmakotherapie genannt. Medikamentenkaskaden mit gleichzeitiger
Einnahme von bis zu zehn Präparaten gleichzeitig scheinen üblich und unvermeidlich: Da viele Medikamente
Nebenwirkungen haben, werden weitere Mittel zur Behandlung der Nebenwirkungen gegeben, statt Alternativen zum
Ursprungsmedikament zu prüfen.
Im Rahmen einer Studie untersuchten der Kardiologe und Intensivmediziner Jochen Schuler und sein Team an der
Paracelsus-Universität Salzburg über 500 ältere, zumeist pflegebedürftige Menschen mit häufiger
Krankenhauserfahrung. Je mehr Krankenhausaufenthalte, desto höher die Zahl der verordneten, bei über 36 Prozent der
Patienten oftmals völlig unnötigen, Medikamente. Bei über 30 Prozent waren die Medikamente überdies für ältere
Patienten ungeeignet, und man stellte Fehldosierungen von mehr als 23 Prozent sowie potentielle
Arzneimittel-Interaktionen von über 65 Prozent fest.
Die Cholinesterasehemmer-Anticholinergikum-Kaskade mit Cholinesterase-Hemmern wie Galantamin, Donepezil oder
Rivastigmin, die bei Symptomen von Demenz verschrieben werden, wirken auf das autonome Nervensystem und befördern
die Dranginkontinenz. Hier kann nur schwerlich ausgemacht werden, ob es bei auftretender Inkontinenz um eine
Begleiterscheinung der Demenz oder eine Medikamenten-Nebenwirkung handelt. Anstatt die Dosis des
Cholinesterase-Hemmers zu senken, behandelt man die Inkontinenz über ein Anticholinergikum, das wiederum
wirkungsabschwächend auf das Ursprungsmedikament zurückwirkt.
Worin liegen die Gründe für einen Trend zur Vielverschreibung?
Schuler führt demografische Faktoren wie die steigende Lebenserwartung sowie die Kooperation zwischen Ärzten und
Pharmaindustrie als vornehmliche Gründe an.
Gerald Bachinger, der Sprecher der österreichischen Patientenanwälte, sieht die Ärzte in der Verantwortung:
Salzburg zeige, dass die Verschreibungspraxis vieler fachlich mangelqualifizierter Mediziner zu wünschen übrig
lasse, während Christoph Reisner, Präsident der Niederösterreichischen Ärztekammer, eher strukturelle Probleme
sieht: Ein Arzt hätte oft keine Möglichkeit, konkret zu erfahren, welche und wie viele Medikamente sein Patient
schon bekommen habe.
Was tun?
Der Hausarzt, bei dem viele Fäden zusammenlaufen, beobachtet immer wieder Mehrfachverordnungen desselben
Wirkstoffes. Die Apothekerkammer plädiert daher für eine Art Arzneimittel-Sicherheitsgurt, sprich Informationen auf
einer E-Card, welche Medikamente der Patient bereits nimmt.
Ein solcher Sicherheitsgurt würde sich nicht nur positiv auf die Gesundheit der Betroffenen auswirken, er trüge
auch langfristig zur Gesundung der Krankenkassen-Budgets bei. Derzeit nehmen gut 15 Prozent der Versicherten, meist
chronisch Kranke und Ältere, 85 Prozent der Gesamtausgaben in Anspruch. Fußend auf den Zahlen der Salzburger Studie
ergäbe sich bei einer vernünftigeren, überlegteren Verschreibungspraxis ein Einsparpotential von bis zu 800
Millionen Euro jährlich.
Viele Patienten nehmen nicht nur zu viele Antibiotika und andere Medikamente ein, sie wissen häufig viel zu
wenig über deren Wirkungsweise.
Was sind Antibiotika und wie wirken sie?
Antibiotika werden über Pilze bzw. Bakterien erzeugt. Schon geringste Dosen sind in der Lage, das Wachstum von
Mikroorganismen zu hemmen bzw. diese abzutöten. Auch synthetisch hergestellte Mittel, sog. Antimikrobielle
Chemotherapeutika, nennt man Antibiotika.
Und es kann nicht oft genug betont werden: Antibiotika wirken nur gegen bakterielle, nicht aber gegen Virus- und
Pilzinfektionen. Spezielle Breitband-Antibiotika wirken gegen die unterschiedlichsten Keime wie gram+ und gram-
Erreger sowie atypische Mikro-Organismen wie Chlamydien.
Nehmen Sie Antibiotika nur auf Anweisung Ihres Arztes, nicht in Selbstmedikation ein. Penicilline (Ausnahme:
Amoxicillin) und Makrolid-Antibiotika sollten eine halbe Stunde vor den Mahlzeiten eingenommen werden,
Doxycxyclin-Präparate verträgt man besser, wenn man sie zu den Mahlzeiten nimmt. Sowohl die Einnahmeintervalle (bis
zu dreimal täglich) als auch die empfohlene Einnahmedauer (bis zu zehn Tagen) müssen exakt beachtet werden.
Nicht zu unterschätzen sind auch Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten: Antibiotika schwächen
z. B. die Wirkung der Pille ab, deren Abbau durch die Leber beschleunigt wird. Resorptionsprobleme der
beeinträchtigten Darmflora können hinzukommen. Auch eisen-, kalzium- und magnesiumhaltige Mittel sowie
aluminiumreiche Antacida können die Wirkung der Antibiotika abschwächen oder sogar aufheben. Schwangere sollten nur
in Ausnahmefällen Antibiotika einnehmen, - sie können dem Ungeborenen irreparabel schaden.
Verzichten Sie während der Einnahme von Antibiotika auf Alkohol: Herzklopfen, Übelkeit und Hitzeempfindungen können
die Folge sein.
Die Liste der Nebenwirkungen ist lang: Nicht nur die Darmflora wird geschädigt; es kann auch zu
Hautausschlag, allergischen Reaktionen, Störungen des Sehvermögens, Krämpfen und vereinzelt zu Schädigungen des
Hörnervs kommen.
Antibiotika werden im Krankenhausbetrieb als Infusionen und Ampullen, ansonsten als Suspension (bei Kleinkindern)
sowie Kapseln und Tabletten verabreicht. Letztere sollten für eine schnelle Resorption unbedingt mit wenigstens 200
ml Wasser eingenommen werden. Und: Viele Antibiotika sind für Kinder unter 14 Jahren nicht geeignet. Tetracycline
sorgen für Zahnverfärbungen, Gyrasehemmer können Bindegewebe und Knorpel schädigen.
Angesichts dieser vielfältige Negativaspekte ist es nach Ansicht vieler Wissenschaftler höchste Zeit, über
geeignete Alternativen zügig nachzudenken.
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